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Die 4% Regel

Was ist die 4% Regel, und wofür ist sie da?
Die 4% Regel, auch gerne safe withdrawal Rate genannt, wird herangezogen um zu zeigen, wieviel man aus einem bestehenden Portfolio entnehmen kann, ohne dieses vollständig aufzubrauchen. Bevor Du nun an dieser Stelle denkst „ah, 4 Prozent, danke“ und aufhörst du lesen, lass mich bitte noch ein bisschen weiter ausholen – ganz so einfach ist das Ganze nämlich nicht (aber auch nicht wesentlich komplizierter).

Erstmal ein bisschen Geschichte

Die Frage danach, wie groß ein Aktienportfolio sein muss, damit man später mal davon leben kann, treibt die Menschen so einige zeit um. Nun könnte man auf die Idee kommen zu sagen „Wieviel % Rendite erwirtschaftet denn so ein Portfolio im Schnitt?“ um dann diesen Betrag zu entnehmen.
Tatsache ist, das könnte man nicht nur, das wurde auch so gemacht. Leider war das nicht die beste Idee…

Warum? Nun, es ist zwar korrekt das sich z.B. der amerikanische Aktienmarkt im langfristen Durchschnitt mit etwa 7% im Jahr entwickelt, die Betonung liegt hier aber auf Durchschnitt! Die jährlichen Renditen können stark schwanken. So schwanken die Jahresrenditen vom S+P 500, einem bekannten amerikanischen Index von über -47% bis +46% (Quelle).
Dies hat zur Folge, das es einen gewaltigen Unterschied macht, ob zu Beginn Deiner Entnahmephase, das ist der Zeitpunkt an dem du Beginnst Geld aus Deinem Portfolio zu entnehmen, einige gute Börsenjahre folgen (Bullenmarkt), oder einige schlechte (Bärenmarkt) . Dieses Phänomen nennt sich Sequence-of-Returns-Risk (SORR).

Vereinfacht gesagt:
Einem Portfolio das dich sicher bis ans Lebensende bringt, wenn zu Entnahmebeginn ein Bullenmarkt vorherrscht, kann auf halbem Weg die Puste ausgehen, wenn die Börse in den ersten Jahren Deiner Entnahme mit einem Bärenmarkt zu kämpfen hat.

Die 4% Regel entsteht

Diesem Problem stellte sich nun ein Finanzberater aus Kalifornien, William Bengen.
Auf Basis umfangreicher Aufzeichnungen von historischen Renditen erforschte Bengen das tatsächliche Verhalten eines Portfolios (hier: 50% Aktien und 50% Anleihen) aus dem jährlich ein fixer Prozentsatz entnommen wird.
Bengen untersuchte rollierende 30-Jahreszeiträume von 1926 an und lernte dabei: bei einer jährliche Entnahme von 4% wurde das Portfolio nie innerhalb von 30 Jahren aufgebraucht.

Aufbauend auf den Ergebnissen von Bengen, führten Philip Cooley, Carl Hubbard und Daniel Walz, ihres Zeichens Professoren auf der Trinity University in Texas, eine erweiterte Studie durch – diese sollte als die „Trinity-Study“ in die Geschichte eingehen.

Ergänzend du der Betrachtung von Bengen, betrachteten die Professoren ebenfalls die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns. Basierend auf unterschiedlichen Entnahmesätzen, Zeiträume und Portfoliozusammensetzungen.
Diese Studie erschien im Jahr 1998 im Journal der American Association of Individual Investors unter dem Namen Namen Retirement Savings: Choosing a Withdrawal Rate That Is Sustainable.

Cooley, Hubbard, Walz: Retirement Savings. Choosing A Withdrawal Rate That Is Sustainable. AAII Journal, February 1998.
(Quelle: https://www.aaii.com/journal/199802/feature.pdf)

Diese Tabelle, die nur einen kleinen Ausschnitt der Studie zeigt, gibt Dir eine Übersicht darüber wie groß die „Überlebenswahrscheinlichkeit“ verschiedener Portfolios ist. Es werden drei wesentliche Faktoren dargestellt:

  1. Die sogenannte „Asset Allokation
    1. Darunter versteht man die Verteilung des angelegten Vermögens auf die verschiedenen Bausteine. Diese kann eine Vielzahl von Bausteinen enthalten, in dieser Studie geht es aber nur um die Verteilung zwischen „Stocks“ (Aktien) und „Bonds“ (Anleihen)
  2. Der betrachtete Entnahmezeitraum „Payout Period
    1. Hier 15 – 30 Jahre, je länger der Zeitraum, desto größer die Herausforderung für das Portfolio
  3. Die prozentuale Entnahmerate „Whitdrawal Rate“ des ursprünglichen Portfolios
    1. Hier 3% – 12%, auch hier gilt: je größer der Wert, desto größer die Herausforderung für das Portfolio. Zu beachten ist hier besonders, das der initiale Wert jährlich an die Inflation angepasst wird.
    2. Beispiel:
      Portfoliogröße 1.000.000 €, Entnahmerate 4% –> Entnahme Jahr 1 = 40.000€
      Diese Entnahme wird nun unendlich in die Zukunft fortgesetzt, aber um den Inflationswert erhöht. Dies folgt bei 2% Inflation dann zu folgender Entnahme in den nächsten Jahren:
      Jahr 1: 40.000€
      Jahr 2: 40.800€
      Jahr 3: 41.616€
      Jahr 4: 42.448€
      Jahr 5:

Aus der Schnittmenge der unterschiedlichen Annahmen, ergibt sich dann die Überlebenswahrscheinlichkeit des Portfolios für den gegebenen Zeitraum. Bei Portfolio das zu 50% aus Aktien und zu 50% aus Anleihen besteht, ergab sich im Rahmen der Studie bei 4% Entnahme über 30 Jahre hinweg eine Überlebenswahrscheinlichkeit von 95% (Blau umrahmt).

Kritik an der 4% Regel

Grundsätzlich ist 4% eine gute Basis für weitere Berechnungen. Daraus ergibt sich die einfache Formel: Dein Portfolio muss 25 mal so groß sein wie Deine Ausgaben. Dann kannst du von den Erträgen leben. Diesen Wert musst du allerdings noch um die Steuer (aktuell: Kapitalertragssteuer) nach oben korrigieren.

Es gibt jedoch auch Kritik. Zum einen betrachteten die Forscher nur den US-amerikanischen Aktienmarkt. Wie die Rechnung mit einem Weltweit gestreuten Portfolio aussieht, konnte bisher (auch mangels Daten) keiner so genau ermitteln.
Sich nur auf den amerikanischen Markt zu verlassen, ist jedoch auch nicht ohne Risiko – im 20 Jahrhundert waren die USA die führende Wirtschaftsmacht. Ob dies im 21. Jahrhundert so bleiben wird, kann keiner zuverlässig vorhersagen. Auch Steuern (siehe oben) wurden in den Studien nicht berücksichtigt, und können sich jederzeit ändern.

Alles in allem, halte ich die 4% für einen guten Richtwert – damit kann man schonmal arbeiten.
Da „ex-ante“, also im voraus, aber keiner so wirklich sagen kann wie sich die Weltmärkte zukünftig entwickeln, empfehle ich Dir einen kleinen Sicherheitspuffer einzubauen und eher mit 3,25% – 3,5% zu rechnen.

Hat aber natürlich auch viel mit der persönlichen Risikotoleranz sowie weiteren Rahmenbedingungen zu tun. Solltest du kein Problem damit haben in schlechteren Zeiten den Gürtel auch mal enger zu schnallen, kannst du in guten Zeiten auch mit größeren Entnahmen rechnen – das nennt sich dann „dynamische Entnahmestrategie“.

Ich wünsche dir viel Erfolg!

Christian
von Finanzenfuerjeden.de

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